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Gisela Farenholtz

Meine Mutter erzählt, dass ich zuerst singen gelernt habe und dann sprechen. Ich singe also seit bald einem halben Jahrhundert. Wenn ich als Kind nicht schlafen konnte, habe ich mich selbst in den Schlaf gesungen, manchmal stundenlang, daran erinnere ich mich gut.

Später, im Schulchor, habe ich meinen Mitschülerinnen das Vom-Blatt-Singen beigebracht, und noch später habe ich meinen damaligen Freund und jetzigen Ehemann zum Singen verführt und mit ihm zusammen zuerst im Studentenchor in Hannover und später in verschiedenen anderen Chören gesungen.

Zu Beginn der 80er Jahre habe ich dann das Singen und die Stimme zum Beruf gemacht und die dreijährige Ausbildung als staatlich geprüfte Atem,-Sprech- und Stimmlehrerin an der Schule Schlaffhorst-Andersen für Atmung und Stimme in Eldingen und Bad Nenndorf abgeschlossen.

Durch einen Buchtitel (Der Stimme des Körpers folgen, Ann Weiser Cornell) stieß ich auf das Focusing und war sofort fasziniert. Hier fand ich die Möglichkeit, meine therapeutische Grundhaltung weiter zu entwickeln und meine Stimmarbeit gewissermaßen mit der "Stimme des Körpers", der "inneren Stimme" zu verbinden. Eine berufsbegleitende Ausbildung im Focusing setze ich laufend fort und vertiefe sie in Seminaren, in regelmäßiger praktischer Anwendung zusammen mit einer Kollegin und in regelmäßiger Supervision.

Ich begann meine Berufstätigkeit mit einer Anstellung in einer logopädischen Praxis in Berlin. Drei Jahre später gründete ich mit Kolleginnen zusammen in Charlottenburg eine Praxisgemeinschaft für Sprech-, Sprach- und Stimmtherapie. Von Anfang an boten wir neben der therapeutischen Tätigkeit auch Einzel- und Gruppenunterricht an und entwickelten ein reichhaltiges Seminarprogramm.

Bereits zu dieser Zeit war ich Mitglied im Vokalensemble Josquin des Prés in Nürnberg und habe den Bereich Einsingen und Stimmbildung geleitet. Josquin des Prés (1440-1521) war ein wichtiger Komponist der niederländischen Vokalpolyphonie. Seine Stücke basieren auf Gregorianischen Gesängen, und diese Grundlagen interessierten mich schon damals.
Als dann meine Kinder geboren wurden, begann ich zunächst, mir im Eigenstudium ein Grundwissen über die Gregorianik anzueignen und einige der Gesänge zu singen - oft während des Stillens. Später fand ich ein Ensemble in Berlin, und nach dem Umzug nach Kiel gründete ich nicht nur die Sprech- und Stimmwerkstatt, sondern trat auch in die Choralschola St. Nikolai in Kiel ein und übernahm die Leitung der Stimmbildung.

Der Gregorianische Choral erschließt sich mir mehr und mehr. Seine Grundlagen, das Psalmensingen, wie es seit jeher in den Klöstern als Stundengebet praktiziert wird, ist zu meiner täglichen spirituellen Übung geworden und gibt mir viel Kraft und Ordnung für meinen Alltag.