Du meine Kehle, klinge!

Singen - ein spiritueller Weg in der christlichen Tradition
Psalmen singen

Am Beginn des Weges steht der Aufbau einer Grundhaltung der körperlich spürbaren "Stimmigkeit", der Stille und des Hörens. Dieser innere Freiraum öffnet Klangräume für meditatives Singen. Ich führe Sie ein in eine der ältesten bis heute erklingenden Formen meditativen Singens in der christlichen Tradition: den Gesang der Psalmen.

Die Vorgänge beim Atmen und Singen und die Funktionsweise der dazugehörigen Körperorgane finden eine Entsprechung auf dem Gebiet der christlichen Meditation, so wie sie im Singen von Psalmen und Gregorianischen Gesängen seit Jahrhunderten praktiziert wird.
Hier geht es um ein Loslassen des eigenen Körpergewichts an den tragenden Boden, um eine stimmfreundliche Zwerchfelltätigkeit zu ermöglichen, dort geht es um ein Sich-Selbst-Loslassen, um das Wort Gottes aufnehmen und sich ihm hingeben zu können.

Seit langer Zeit praktiziere ich das Singen von Psalmen und Gregorianischem Choral regelmäßig, bis 2018 in der Choralschola Kiel und als spirituelle Übung im Alltag. Innere Ruhe und Stille sind der Hintergrund, vor dem sich die Gesänge entfalten.

Im Singen von Psalmen ist die Stille sogar hörbar enthalten: In der Mittelpause zwischen jeweils zwei Halbversen eines Psalmverses. Diese Pause "folgt dem natürlichen Rhythmus des menschlichen Atems und bindet somit auch das Körperliche für einen meditativen Vollzug der Psalmodie mit ein" (Luigi Agustoni / Johannes Göschl, Einführung in die Interpretation des Gregorianischen Chorals, Band 2, S. 691).

Inhalte meines Einzel- und Gruppenunterrichts:

Die körperliche Einstimmung verläuft ähnlich wie unter "Einfach singen" beschrieben (siehe dort). Ergänzend nehme ich Übungen zum Hören in die Stille hinzu, um eine Grundhaltung der Stille und des Hörens aufzubauen. Der Körper wird "ganz Ohr". Durch diese Einstimmung der Ohren auf die Stille wird das Singen immer mehr ein Geschehen von der Wahrnehmung aus, immer weniger von aktivem Tun aus. Damit kommen wir einer meditativen Haltung immer näher.


Im Hebräischen gibt es ein Wort (näfäsch), das zunächst einmal "Kehle" bedeutet. Es bezeichnet aber, wie im Hebräischen üblich, nicht nur das Organ selbst, sondern zugleich seine Funktionen.
Es bedeutet also: die hörbare klingende Kehle und ebenso die aufnehmende hungrige Kehle, in der sich das Lebendigsein zeigt.
Meist wird dieses Wort (z.B. am Ende der Psalmen 103 und 104) mit "Seele" übersetzt: Lobe den Herrn, meine Seele! Ebenso gut könnte die Übersetzung lauten: Lobe den Herrn, meine Kehle! Oder: Lobe den Herrn, mein Leben!

(Quelle: Die Körpersymbolik der Bibel, Silvia Schroer und Thomas Staubli, Gütersloh 1998).